Zwei Meister der österreichischen Kunst, zwei einzigartige Ausdrucksformen – in einer beeindruckenden Ausstellung vereint. Im Zuge der Jubiläumsausstellung zum 100. Geburtstag von Wander Bertoni dürfen wir die beiden Träger des österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst I. Klasse gemeinsam präsentieren. Die poetische Plastizität der Skulpturen von Wander Bertoni trifft auf die expressive Kraft der abstrakten Malerei von Hans Staudacher. In einem faszinierenden Dialog zwischen Form und Farbe entfalten sich Bewegung, Emotion und freie Gestik zu einem raumgreifenden Erlebnis. Tauchen Sie ein in die Welt zweier prägender Künstlerpersönlichkeiten der Nachkriegszeit und lassen Sie sich von der kreativen Energie dieser außergewöhnlichen Schau inspirieren. Die Verkaufsausstellung ist eine Kooperation der galerie artziwna und der Galerie bei der Albertina – Zetter und wird parallel in beiden Galerien in der Wiener Innenstadt präsentiert.
Über den Künstler WANDER BERTONI
„Wander Bertoni ist einer der großen österreichischen Bildhauer, der schon in den frühen 1950er-Jahren den Schritt vom Figürlichen zur Abstraktion und später zum Symbolischen schaffte.“Er kam mit 18 Jahren als Zwangsarbeiter nach Wien, wo ihm Herbert Boeckl nach Kriegsende ermöglichte, an der Wiener Akademie der bildenden Künste zu studieren. Dort wurde er der erste ausländische Schüler Fritz Wotrubas. Unbestritten ist er einer der bedeutendsten Bildhauer, der aus der Wotruba-Schule hervorgegangen ist.
Die chronologische Betrachtung
Bertonis Werk beginnt um 1945, wo ihm mit Arbeiten wie der „Kämmenden“, der „Sitzenden Figur“ oder der „Liegenden“ eine virtuose Sichtbarmachung des Dialogs zwischen Körper und Raum gelang. Fließende Linien und harmonische Bewegungen kommen meisterlich zum Ausdruck. Plastische Bildnisse von Köpfen bilden eine weitere Werkgruppe, die in den 1940er Jahren ihren Anfang nahm. Er schuf sie sowohl für öffentliche Aufträge, als auch aus eigenem Interesse an der Thematik. Seine lebenslange Begeisterung für die Musik zeigte sich in einer Reihe von figurativen Plastiken, die eine beinahe sakrale Stimmung vermitteln. Wie er selbst einmal meinte, war ihm die Musik so wichtig wie seine eigene künstlerische Arbeit. Die Erfahrungen des Kubismus setzten sich daraufhin in einer gegenstandslosen Form fort und die ersten abstrakten Plastiken entstanden. Die gegenstandslose Figur „Bewegung“ markiert diese Entwicklung. Diese neuen, abstrahierten künstlerischen Positionen verfügen dennoch über Inhalte und stützen sich nicht ausschließlich auf konstruiertes Erfinden.Das darauffolgende ‚Imaginäre Alphabet‘ stellt einen Einschnitt innerhalb des Gesamtwerks dar, das auch international großen Anklang fand. Das Spiel mit Farben greift Bertoni wieder in den 1970er-Jahren auf in der Werkgruppe „Das Auge“. Zwei Unikate werden in der Ausstellung gezeigt. Zeitlich folgen darauf die Arbeiten der Gruppe „Ecclesia“, von denen auch einige ausgestellt werden. Offenere und expressivere Formen finden sich dann im „Sonnenanbeter“. Bei den Werken der „Pomona“-Paraphrasen stehen Ordnung, Glätte und Verdichtung im Vordergrund.Auch die prägenden Eindrücke seiner Reisen nach Griechenland, Ostasien, Nepal, Sri Lanka, Bali, Sumatra und besonders Südindien beeinflussen seinen künstlerischen Ausdruck. Im umfangreichsten Werkabschnitt „Indisches Tagebuch“ (1975/81), mit rund 70 Einzelwerken, wandte sich Bertoni dem Kreatürlichen zu und brachte alte religiöse und kultische Vorstellungen zum Ausdruck.Kristian Sotriffer fasst Bertonis vielseitiges, skulpturales Werk tref- fend zusammen. Er meint, dass es für Bertoni keinen wesensmäßigen Unterschied zwischen figurativer und abstrakter Kunst gab, weil für ihn Kunst Ausdruck und Offenbarung jenes Unsichtbaren war, das unter der Oberfläche der dinglichen Welt liegt – das Leben in seiner Fülle.Im Alter von vierzig Jahren wurde Bertoni an die Universität für angewandte Kunst Wien berufen, um die Leitung der Meisterklasse für Bildhauerei zu übernehmen. Er lehrte an der ehemaligen Hochschule bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1994. 1965 erwarb Bertoni die sogenannte „Gritsch-Mühle“ im burgenländischen Winden am See, aus der er einen Ort der Kunst ganz besonderer Art machte. Das Gelände fungiert als Freilichtmuseum für seine eindrucksvollen Skulpturen. Zahlreiche Ausstellungen, Aufträge im öffentlichen Raum im In- und Ausland sowie Ehrungen belegen die große Wertschätzung des Künstlers.
Über den Künstler HANS STAUDACHER
Hans Staudacher wurde am 14. Januar 1923 in St. Urban am Ossiacher See geboren. Er verbrachte seine Kindheit und Jugend in eher einfachen Verhältnissen und so war ein Kunststudium für ihn ausgeschlossen. Trotz alledem erlangte Staudacher als Autodidakt die Grundkenntnisse der Porträt- und Landschaftsmalerei, welche er auch ab 1948 in Ausstellungen präsentierte. Vorbilder waren die Künstler des nötscher Kreises, u.a. Arnold Clementschitsch, dessen Malschule Staudacher auch besuchte.1950 entschloss sich Staudacher den bekannten Kärntner Künstlerkreis zu verlassen und übersiedelte nach Wien, wo er sich den Wiener Secessionisten anschloss. Mehrere Parisaufenthalte und die Bekanntschaft mit George Mathieu, dem wohl wichtigsten Ver- treter des Informel, bestärkten Staudacher in seinem Malstil. Ab dieser Zeit verfolgte Staudacher seine eigene Kunstform aus spontan gesetzten abstrakten Farbgebilden, gepaart mit Schriftkürzeln, die als Botschaften oder Notizen auf den Malgründen ihre Niederlassung fanden. Diese lyrischen Abstraktionen wurden Staudachers Markenzeichen. Die erste internationale Anerkennung erlangte Staudacher 1956 auf der Biennale Venedig, weitere bei großen Ausstellungen in Paris und 1965 auf der Biennale Tokyo, bei welcher er auch den Hauptpreis gewann.Einen Großteil seiner Schaffensperioden verbrachte Staudacher im 10. Bezirk in Wien in der ehemaligen Heller Fabrik, die auch in seinen Bilderzählungen mehrfach Bestand hatte. Die großzügigen Räumlichkeiten des Ateliers unterstützten seinen Drang nach Freiheit und Spontanität in der Malkunst. Bildtitel wie „In der Davidgasse gemalt“ oder „Malen in Liberté“ bestätigen seinen expressiven Lebensmittelpunkt. Durch die Schnelligkeit seiner Umsetzung, entstanden die sogenannten „nu“ Bilder, in denen Staudacher seine emotionalen Ausbrüche authentisch umsetzte. Das Atelier ermöglichte ihm seine Biografie in klein- und großformatigen Bildzyklen aufzuarbeiten - gemalte Gefühle und Geschichten eines inhaltsvollen Lebens.Nach unzähligen Einzel- und Gruppenausstellungen weltweit, er- hielt Staudacher 1997 zu seinem 75. Geburtstag eine weitere Würdigung im eigenen Land mit einer grandiosen Museumsausstellung im Art-Center des Kunsthistorischen Museums Wien im Palais Harrach. Es folgten mehrere Verleihungen, u.a. 2004 die Auszeichnung mit dem Großen Goldenen Ehrenzeichen der Republik Österreich.Hans Staudacher zählt wohl zu den bedeutendsten Vertretern des Informel in Österreich und ist mit seiner unverwechselbaren Handschrift in den Bereichen der skripturalen Malerei, dem Lettrismus, und des Tachismus einzureihen.Seine Werke befinden sich heute unter anderem in der Albertina, im Belvedere, im mumok, im Museum of Art in Cincinnati sowie in zahlreichen weiteren öffentlichen und privaten Sammlungen im In- und Ausland. Kurz nach seinem 97. Geburtstag verstarb Hans Staudacher im Jänner 2021.
„Kunst ist nicht Geschäft, sondern Freiheit der Seele, Freiheit des Raumes, Freiheit des Geistes – und es ist sehr wichtig, dass wir uns das erhalten.
(Hans Staudacher)